Sheba Mehofer-Schilk; Blog; mythen neu erzählen, urban fantasy mythologie karibische mythologie sagen neu interpretieren filmisches storytelling

Warum ich Mythen nicht nacherzähle, sondern dekonstruiere

Wie aus alten Sagen neue Urban-Fantasy-Geschichten entstehen

ALSO ENDETE PALLAS ATHENE DEN KRIEG UND DEN STREIT… Lächelnd schließst du das Buch und betrachtest nochmal den Titel … Die Odysee … All das wegen eines Apfels…

Du gießt dir noch einen Tee ein und schaust aus dem Fenster.
Spannend war das schon. Spannender, als du es von einer Geschichte erwartet hättest, die vor tausenden Jahren geschrieben wurde.

Ob du geschafft hättest, was Odysseus geschafft hat?
Wie du auf die Gefahren reagiert hättest? Auf Verrat? Auf Verlust? Und die ständige Versuchung, einfach aufzugeben?

Gar nicht so unterschiedlich, unsere jetztigen Serien, Filme und Bücher und die alten Geschichten von vor tausenden Jahren. Plötzlich wirt all das gar nicht mehr so weit entfernt. Ganz im Gegenteil … Wenn du so darüber nachdenkst, eigentlich erzählen auch unsere heutigen Filme, Serien und Bücher noch immer dieselben Geschichten:

Von Liebe und Krieg, Eifersucht und Macht, Chaos und Hoffnung.
Von Menschen, die versuchen, ihren Weg durch eine Welt zu finden, die größer ist als sie selbst.

Faszinieren uns Mythen deshalb bis heute? Weil sie nie wirklich verschwunden sind, sondern nur ihre Form verändert haben? Neu erzählt werden? …

Warum manche Geschichten über Jahrtausende weitererzählt werden, weshalb ich Mythologie neu erzähle, statt sie einfach nachzuerzählen, und wie daraus meine Urban-Fantasy-Welten zwischen Wien, Waldviertel und Karibik entstehen, erfährst du in diesem Beitrag.

Warum mich Mythen erst interessieren, wenn sie Risse bekommen

Noch bevor karibische Mythologie Teil meiner Erzählwelt wurde …
noch bevor ich Urban Fantasy geschrieben habe …
noch bevor ich überhaupt wusste, dass ich einmal Geschichten erzählen würde …

… habe ich Mythologie geliebt!

Ich habe antike Sagen verschlungen, bin in die Welten Homers eingetaucht und habe schon sehr früh Geschichten aus Wien gelesen – diese alten, oft etwas schrägen, manchmal düsteren Erzählungen, die sich durch die Stadt ziehen wie unsichtbare Spuren.

Zu meiner Matura – dem österreichischen Schulabschluss – habe ich mich intensiv mit Mythen beschäftigt. Meine Fachbereichsarbeit behandelte Platons Atlantis und den Mythos des Kugelmenschen – also Geschichten darüber, woher wir kommen und was verloren gegangen sein könnte. Meine zweite Arbeit zur vertiefenden Prüfung behandelte Medeia und Frauenbilder in der griechischen Mythologie.

Und trotzdem war da schon damals etwas, das mich mehr interessiert hat als die eigentliche Nacherzählung.

Nicht die Frage: Was passiert in diesen Geschichten?
Sondern: Warum erzählen wir sie überhaupt so?

Die „richtige Übersetzung“ ist oft nur der erste Schritt. Die erste Möglichkeit, eine Geschichte in eigenen Worten zu wiedergeben. Aber da ist noch mehr! Nämlich dann, wenn man aufhört einen Mythos nur zu erzählen und beginnt, zu fragen, was er über die Menschen sagt, die ihn weitergetragen haben.

Warum mich „Wikipedia-Mythologie“ oft nicht interessiert

Es gibt viele Arten, sich Mythen zu nähern.
Und eine davon ist sehr klar, sehr ordentlich, sehr abgeschlossen.

Sie funktioniert wie ein Nachschlagewerk:
Ein Mythos wird darin beschrieben und erklärt, vielleicht interpretiert und eingeordnet.
Die Figuren werden analysiert und oft werden auch mehrere Sagenversionen zusammengefasst. Am Ende steht eine Art „fertige Version“.

Und ich verstehe, warum das wichtig ist, denn diese Form schafft Überblick und macht komplexe Geschichten zugänglich. In manchen meiner Blogartikel kommen diese Abschnitte natürlich vor. Denn sie sind für diejenigen, die zum ersten Mal mit diesem Wesen oder der Sage in Berührung kommen essentiell.

Bleiben wir dort aber stehen, beginnt für mich das Problem, denn je klarer eine Geschichte „fertig erklärt“ ist, desto mehr verliert sie oft das, was sie eigentlich interessant macht: die Bewegung.

Mythen waren nie dafür gedacht, still zu stehen.
Sie wurden erzählt, verändert, angepasst, neu interpretiert – je nachdem, wer sie erzählt hat und in welchem Kontext sie gebraucht wurden.
Sie sind kein abgeschlossenes System, sondern etwas, das sich ständig verschiebt.

Und genau deshalb fühlt sich diese „Wikipedia-Form“ für mich oft an, als würde man ein Feuer beschreiben, nachdem es bereits erloschen ist.

Alles ist korrekt, aber nichts brennt mehr. Mich interessiert aber genau dieses Brennen.

Ich will nicht nur wissen, was ein Mythos ist.
Ich will spüren, was er auslöst, was er berührt und was wirklich hervorkommt, wenn man die Schleier der darüberliegenden Geschichte wegzieht:
Ängste? Hoffnung? Liebe? Krieg? Eine gesellschaftliche Ordnung?

Und genau dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit mit Mythologie: im Wiederöffnen.

Was Mythen über Angst, Hoffnung und Menschen verraten

Auf den ersten Blick scheinen Mythen einfach spannende Geschichten zu sein: Helden und Heldinnen kämpfen gegen das Böse. Gruselige Gestalten durchwandern die Nacht. Liebe entsteht, wird geprüft oder geht verloren. Tiere sprechen. Grenzen zwischen Welten verschwimmen …

… Geschichten, die unsere Welt ein wenig größer, magischer machen.
So wie es heute auch Urban Fantasy oder, auf eine andere Art, magischer Realismus tun.

Wenn man aber genauer hinschaut, zeugen Mythen selten nur von der Fantasie ihrer Erzähler. Sie erzählen von etwas viel Grundsätzlicherem:

Von Angst.
Vor dem Tod, dem Unbekannten und Kontrollverlust.

Von Hoffnung.
Dass es etwas gibt, das stärker ist als das Chaos, dass Heldinnen und Helden überleben können und, dass das Dunkle nicht das letzte Wort hat.

Von Liebe.
Die alles verändert, manchmal rettend, manchmal zerstörend und manchmal beides gleichzeitig ist.

Und sie erzählen von Ordnung.
Davon, wie eine Gesellschaft sich selbst versteht, was sie als gut oder böse definiert und wer darin eine Stimme bekommt.

Warum verschwinden manchen Geschichten nie?
Wieso wir Mythen immer wieder neu erzählen

Wenn wir uns also fragen, warum manche Geschichten erzählt und vergessen werden, manche aber über Generationen weitererzählt Jahrhunderte überdauern, könnte das die Antwort sein: Weil Mythen keine reinen Geschichten erzählen, sondern wiederkehrende menschliche Grundthemen.

Denn Sagen und Mythen sind keine Museumsstücke. Sie sind nicht – und waren nie – statisch. Sie sind Muster, die sich in immer neuen Formen zeigen dürfen, angepasst an die Zeit, Kultur, Kontext und die Person, die sie erzählt hat.

Was unter alten Geschichten verborgen liegt: Das passiert, wenn man einen Mythos auseinandernimmt

Hier beginnt für mich der aufregendste Teil: das zerlegen der Sage. Nicht falsch verstehen, wenn man einen Mythos neu erzählt, geht dabei nicht darum, die Geschichte zu zerstören und zu verformen, bis nichts mehr als Namen davon übrig bleiben.

Ganz im Gegenteil: es geht darum, zu erkunden, was bleibt, wenn ich das Rundherum an Namen und Orten entferne und den wahren Kern einer Geschichte freilege.

Welche Themen stecken hinter einem Mythos oder einem Wesen? Welche Angst? Welche Ordnung? Was passiert wenn man eine dieser Ebenen verändert?

Manchmal reicht schon eine kleine Verschiebung: Ein Perspektivwechsel oder eine andere Figur im Zentrum. Oder die Frage, was passiert, wenn das „Monster“ plötzlich eine eigene Geschichte bekommt.

Wesen entstehen zuerst als Gefühl

Meistens beginnt es nicht mit einer Recherche oder einer klaren Idee für eine Geschichte.

Es beginnt viel früher: Mit einem Satz oder einem Bild.
Oder einem Mythos, der irgendwo im Hintergrund auftaucht, weil ich ihn einmal gelesen oder gehört habe.

Und dann passiert etwas schwer Greifbares: Ein Wesen und seine Geschichte bleiben nicht als Information im Kopf zurück – sondern als Gefühl. Manchmal ist es ein Unbehagen, manchmal etwas Trauriges, das nicht sofort erklärbar ist oder etwas Bedrohliches, das nicht klar benannt werden kann, aber trotzdem da ist.

Ich versuche in diesem Moment nicht, das sofort zu „lösen“. Ich sammle es eher … Wie einen Eindruck, der sich erst noch formen muss und irgendwann eine Szene werden darf. Noch kein vollständiger Plot, keine fertige Figur, sondern ein Moment, ein Bild, dass ich noch genauer anschauen muss.

Das Wesen und seine Geschichte sind der Ausgangspunkt und nicht das Ende.

Wo Mythologie endet und meine Geschichten beginnen

Bei Rhapsodie der Schatten war das besonders deutlich.

Ich habe mich dort an Orpheus orientiert – nicht als Nacherzählung, sondern als Verdichtung von Themen:

Liebe, die über den Tod hinausgeht.
Der Versuch, den Tod selbst zu überwinden.
Und Musik als etwas, das zwischen den Welten vermittelt.

Diese Elemente waren der Kern, um den herum alles andere sich verändern durfte … und aus Orpheus und Eurydike wurde Oriana. Eine Mutter, die nicht ihren Geliebten, sondern ihren Sohn aus der Dunkelheit zurückholen muss.

Aus der griechischen Unterwelt wurde eine karibisch geprägte Welt mit eigenen Regeln, eigenen Prüfungen und einer eigenen Logik von Angst und Überleben. Aus der reinen Reise durch die Unterwelt wurde mehr: Ein Weg durch innere und äußere Prüfungen.

Ich wollte bewusst die feste Form des Mythos aufbrechen, denn meine Geschichten beginnen dort, wo das bleibt, was unter den äußeren Schichten liegt.

Dieses Prinzip wiederholt sich auch in meinen anderen Geschichten.

Manchmal sind es keine klassischen Mythen mehr, sondern Wesen, die direkt in einer modernen Welt existieren – als handelnde Figuren, mit eigenen Motiven, eigenen moralischen Grauzonen und oft überraschend menschlichen Gründen für das, was sie tun.

Ein Schutzengel, der innerhalb seines eigenen Ordens einer Intrige auf die Spur kommt, die weit größer ist als alles, woran er geglaubt hat.

Oder ein Lagahoo, der plötzlich nicht mehr nur eine Sagengestalt ist, sondern Teil einer Einheit wird, die gefährliche Wesen jagt.

Mich interessiert dabei selten die reine Vorlage. Mich interessiert, was passiert, wenn mythologische Figuren plötzlich Wünsche, Fehler, Loyalitäten und Widersprüche bekommen.

Dabei bleibt der Kern ähnlich:
Was passiert, wenn etwas aus der Mythologie nicht nur weitergegeben wird – sondern wirklich leben würde? Was, wenn ich diese alten Geschichten, mit meinen eigenen Themen, Ängsten und Hoffnungen vermische?

Was, wenn ich die Mythen neu erzähle?

Wenn du solche Geschichten selbst entwickeln möchtest. Bei World in the Woods am 26. & 27. Juni 2026 sprechen wir bei einer Lesung und einem exklusiven Workshop genau über solche Fragen:
Wie entstehen neue Geschichten aus alten Mythen?
Was passiert, wenn man Wesen aus Sagen in moderne Welten versetzt?
Und wie findet man dabei den Kern, der eine Geschichte wirklich lebendig macht?


Wenn du meine nächsten Geschichten begleiten möchtest. In meinem Newsletter teile ich regelmäßig Einblicke in neue Projekte, mythologische Hintergründe und die Gedanken hinter meinen Welten. Außerdem erfährst du dort zuerst, wenn neue Bücher, Lesungen oder Veranstaltungen starten. Als Dankeschön bekommst du exklusiv vorab den ersten Fall der „Chroniken des Unbekannten„, in der der Schattenkrieger Ezio den Kampf gegen ein tödliches Geistwesen im Wiener Stadtpark antritt.


Wenn du noch tiefer hinter die Geschichten schauen willst. Auf Steady zeige ich zusätzlich, wie diese Ideen konkret entstehen: von ersten Gedanken und Pitch Decks bis zu gestrichenen Szenen, Worldbuilding und Storyentwicklung.

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