Ghede Nibo: Der Hüter der Seelen und die vielfältige Repräsentation von Geschlecht im Vodou

DU BIST VÖLLIG AUSSER ATEM als du die Tanzfläche verlässt und dich erschöpft durch die Menge schlängelst. Orientierungslos bahnst du dir einen Weg, weichst Armen, Beinen und Köpfen aus. Auf einmal ist dir das alles etwas zu viel. Du musst dringend durchatmen, brauchst Wasser und eine Pause. Bunte Scheinwerfer blenden dich, links und rechts drängen Tanzende, du wirst geschubst, stolperst und prallst gegen einen Mann, der stehen bleibt, sich umdreht und dich wütend anschnauzt.

Du murmelst eine Entschuldigung, doch er gibt nicht nach. Die Musik ist so laut, dass du ihn nicht hörst, doch als du ihm versuchst, das zu deuten, scheint er nur noch wütender zu werden. Sein verschwitztes, rötliches Gesicht verzerrt sich zu einer Grimasse. Alkoholgeruch zieht wie ein dichter Nebel aus seinem Mund auf dich zu. Der Mann fuchtelt wild mit der Bierflasche in seiner Hand, du musst mehrmals ausweichen. Gerade, als er sich vorbeugt und du deren lauwarmen Inhalt in deinem Gesicht, auf deiner Brust und deinem Bauch spürst, kommt dir einer seiner Freunde zu Hilfe.

Er hält seinen Arm fest, zieht ihn von dir weg und übergibt ihn an die restliche Gruppe. Freundlich lächelt er dich an, entschuldigt sich bei dir. Du nickst noch kurz, dann machst du dich auf, um den Schaden im Spiegel zu begutachten und dir das Bier abzuspülen.

Als du den Raum betrittst, bleibst du überrascht stehen. Eine hochgewachsene, schlanke Frau in einem violett-schwarzen langen Kleid mit ausladendem Rock steht vor dem Spiegel. Dein Blick wandert über ihren freien, karamellfarbenen Rücken, auf dem sich bei jeder Bewegung sanfte Muskeln abzeichnen. Erst, als du den Platz neben ihr einnimmst, scheint sie dich zu bemerken. Sie lächelt dich durch den Spiegel an, wirft dir aus onyx-farbenen Augen einen amüsierten Blick zu, den du schwer deuten kannst.

Als sie fertig ist, macht sie einen Schritt vom Spiegel weg und betrachtet zufrieden ihr Äußeres. Als sie sieht, dass auch du wie automatisch zu ihr schielst, schmunzelt sie ein weiteres mal.
„Aber hallo!“, sagt sie mit samtiger, leicht rauer Stimme – etwas tiefer als erwartet. Und erst jetzt verstehst du. Du lächelst zurück.

„Ein sehr schönes Kleid.“

„Oh, vielen lieben Dank! Weißt du, ich hoffe heute hier jemanden zu treffen, auf den ich schon sehr lange ein Auge geworfen habe. Und wenn das hier keine Wirkung zeigt“, sie deutet mit einer eleganten Handbewegung ihren Körper hinunter, „dann weiß ich auch nicht. Dann verkleide ich mich als Kokosnuss und sag, ich bin für ihn vom Baum gefallen.“

Du prustest los und auch sie lacht ein sanftes, sehr interessant klingendes Lachen. Wie schafft sie es, so attraktiv zu wirken. Andere könnten sich einen solchen Auftritt nicht leisten. Doch sie strahlt reines Selbstbewusstsein aus. Sie zuckt mit den Achseln und seufzt.

„Wünsch mir Glück!“, sagt sie noch und hebt die Hand mit dem gedrückten Daumen. Schon bist du alleine.

Du widmest dich wieder dem nassen Fleck auf deinem Bauch und fragst dich gerade, ob du versuchen solltest, dich unter den Händetrockner im Eck zu stellen – ob er überhaupt funktioniert? Dein Blick wandert vom Berg Papiertücher, der aus dem Mistkübel quillt hinüber zum dazugehörigen Spender. Leer. Also gut, dann doch der Lüfter.

In diesem Moment geht die Türe erneut auf und der Mann von der Tanzfläche kommt herein. Sobald er dich sieht scheint die Wut von vorhin zurück zu sein. Er baut sich vor dir auf. Die Zigarette, die er sich gerade anzünden wollte klebt an seinen feucht-glänzenden Lippen.

„Du hast noch eine Lektion verdient“, knurrt er und krempelt seinen Ärmel hoch. Im nächsten Moment stößt er dich mit der Kraft einer Dampflok gegen die Wand hinter dir. Die Wucht, mit der dein Kopf und Rücken gegen die kalten Fliesen schlagen nimmt dir kurz den Atem. Du überlegst, wie du aus dieser Situation lebend rauskommen sollst, da hörst du eine Stimme.

„Nanana“, eine kräftige Hand packt den Arm deines Angreifers und dreht ihn auf den Rücken. Er stöhnt auf und fliegt im nächsten Moment quer durch den Raum an den Waschbecken vorbei und gegen eine der Kabinentüren. In seinem Ausdruck wechseln Überraschung und Wut, als er sich ächzend aufrappelt und wieder in eure Richtung läuft. Bevor du noch recht weißt, was geschieht, wirbelt ein langer schwarzer Gehstock mit violetter Spitze herum und schlägt den Mann k.o.

Erst jetzt hast du Zeit, deinen Helfer anzusehen. Ein junger Mann in violettem Anzug und Zylinder steht vor dir. Entspannt zieht er eine Zigarette aus der Brusttasche, lehnt sich gegen die Waschbeckenzeile und macht den ersten Zug.

„Danke …“, sagst du, streckst ihm die Hand entgegen und schaust ihn fragend an, um seinen Namen zu erfahren.

Er legt eine Hand grüßend an den Hut, dann hebt er den Blick und die dunklen, glänzenden Augen erinnern dich an jemanden.

„Nibo. Gern, das ist sozusagen mein Job“, antwortet er und lächelt verschmitzt. Als du ihn genauer betrachtest, erkennst du die Frau von vorhin in seinen Zügen. Kann das sein? Wenn ja, wie haben sie das so schnell gemacht?

„Danke, Nibo.“ Er scheint deine Verwirrung in deiner Stimme zu bemerken, beschließt jedoch sie zu ignorieren. Statt dessen stößt er sich ab und grinst spitzbübisch. „So, und jetzt holen wir uns einen Rum und werfen wir uns wieder in die Menge.“ Er steigt mit einem großen Schritt über den bewusstlosen Mann. „Komm – die Party ist großartig, die lassen wir uns doch niemals entgehen!“

Ghede Nibo ist faszinierend, charismatisch und offen – aber auch jähzornig und nachtragend. Als er in meiner Geschichte eine Rolle übernehmen wollte, hat er sie in unvorhergesehene Richtungen gelenkt und letztlich bereichert. Während des Schreibens von Rhapsodie der Schatten ist er mir sehr ans Herz gewachsen. Als er schließlich seine Geschichte erzählte, war ich zutiefst berührt.

Doch Ghede Nibo ist nicht nur der Loa des Todes, sondern ebenso ein Symbol für Wiedergeburt und das überwinden von Grenzen – sowohl zwischen Leben und Tod als auch zwischen den starren Kategorien von Geschlecht und Identität. Seine fließende Natur ermutigt uns, uns jenseits von festen Definitionen zu verstehen und uns in unserer Vielfalt und Einzigartigkeit zu akzeptieren.

In diesem Video kannst du mehr zu Ghede Nibo im Haitianischen Vodou erfahren!

Wer ist Ghede Nibo?

Die kurze Antwort ist: eine faszinierende Figur innerhalb der haitianischen Vodou-Tradition. Seine Geschichte ist von Trauer und Transformation geprägt. Ghede Nibo soll ein charismatischer, gutaussehender junger Mann gewesen sein, der gewaltsam zu Tode kam.

Nach seinem Tod wurde er von Baron Samedí und Mama Brigitte, den mächtigen Loa des Todes, in die Ghede-Familie aufgenommen. Diese Übergangsphase ist entscheidend für sein Wesen, denn sie verleiht ihm die Aufgabe, die Seelen der Verstorbenen zu führen, besonders die derjenigen, die in jungen Jahren oder durch Gewalt starben. So hat er ein besonderes Herz für Opfer von Gewalt, Mütter und Kinder.

In seiner neuen Rolle als Loa ist Ghede Nibo nicht nur ein Führer der Seelen, sondern auch ein Symbol für die Überwindung von Schmerz und Verlust. Er hat die Fähigkeit, den Lebenden Trost zu spenden, während er die Toten auf ihrem Weg ins Jenseits begleitet. Diese duale Verantwortung macht ihn zu einer Schlüsselfigur im Vodou-Kosmos, wo das Leben und der Tod eng miteinander verbunden sind.

Illustration von Ghede Nibo in
Ghede Nibo ist eine komplexe Figur, die für Diversität und Rollenunabhänigkeit steht. Er stärkt in Frauen die männliche, in Männern ihre weibliche Seite.
(c) Sheba Mehofer-Schilk

Ghedes Verbindung zu Tod, Leben und Sexualität

Ghede Nibo ist nicht nur ein Loa des Todes, sondern auch ein Meister des Lebens und der Sexualität. Seine Figur wird oft als androgyne Erscheinung dargestellt, die sowohl maskuline als auch feminine Qualitäten verkörpert. Tritt er als Mann auf, ist er attraktiv, trägt einen violetten Anzug und ist immer ordentlich. Er hat einen Gehstock (wie viele Loa) und Zylinder. In weiblicher Form trägt er Kleider und Makeup, die stark an Drag erinnern. In jeder Form liebt er – wie der Rest seiner Familie) alles Scharfe (zB auch Rum mit Chili) und Zigarren.

Zu seinen Ehren führten haitianische Bauern noch bis vor kurzem jedes Jahr im November ein Lobeslied zu Ehren von Ghede Nibo auf. Die Darbietung enthielt phallische Bewegungen und andere erotisch aufgeladene Gesten und wurde „Massissi“ genannt – ein haitianischer Begriff für Männer mit homoerotischer Orientierung.

Ghede Nibo strahlt eine gewisse Anziehungskraft und Charisma aus, die viele Menschen anzieht, unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung. Diese Fluidität ist charakteristisch für die Ghede, die oft als lebensbejahend und spielerisch angesehen werden, auch wenn sie sich mit den Themen Tod und Trauer befassen.

Die Verbindung zwischen Sexualität und Tod ist im Voodoo besonders stark ausgeprägt. Ghede Nibo und andere Loa werden oft in Verbindung mit Festen und Feiern gesehen, bei denen der Tod nicht als tragisch, sondern als Teil des Lebens gefeiert wird. Diese Perspektive erlaubt es den Menschen, ihre Ängste vor dem Tod zu überwinden und eine tiefere Verbindung zu ihrer eigenen Sexualität und Identität zu finden. So fungieren sie hier als Brücke, die es den Menschen ermöglicht, ihre Wünsche und Ängste in einem spirituellen Rahmen zu erkunden.

Im traditionellen Lied „Ghede Nibo“ (hier interpretiert von Samba Ralph) wird der Loa in seiner Größe besungen und gefeiert.

Ghede Nibo und die LGBTQ+ Community in der Karibik

Für viele Menschen der LGBTQ+ Community in der gesamten Karibik, nicht nur in der haitianischen Diaspora, ist Ghede Nibo eine bedeutende spirituelle Figur. Seine Fähigkeit, Geschlechtergrenzen zu überschreiten und eine fluide Identität zu verkörpern, ermöglicht es vielen, sich in seiner Geschichte und seiner Identität wiederzufinden. Ghede Nibo steht für die Akzeptanz von Vielfalt in Geschlecht und Sexualität und bietet damit eine Plattform für diejenigen, die in ihren eigenen Kulturen oft marginalisiert werden.

In vielen karibischen Ländern, wo der Einfluss des Voodoo und anderer afro-karibischer Traditionen spürbar ist, finden LGBTQ+ Personen Trost und Bestätigung in der Figur von Ghede Nibo. Viele Anhänger berichten von einem tiefen Gefühl der Zugehörigkeit, wenn sie ihn anrufen, und erleben ihn als Schutzpatron, der ihre Kämpfe und Herausforderungen nachvollziehen kann. In diesen Traditionen ist es nicht ungewöhnlich, dass Menschen ihre Identität und ihre sexuellen Orientierungen mit spirituellen Praktiken verbinden, was zu einer stärkeren Verbindung zur Gemeinschaft führt.

Der Fall der verschwundenen Taylor Casey, einer Transfrau und aktiven Vertreterin der Chicago LGBTQ+ Bewegung, bleibt bis heute (2. Oktober 2024) ungeklärt. Die Umstände ihres Verschwindens auf den Bahamas werfen ein Schlaglicht auf die schwierige und oft gefährliche Situation, der insbesondere schwarze Transfrauen und andere marginalisierte Mitglieder der LGBTQ+ Community weiterhin ausgesetzt sind. Obwohl keine direkten Verbindungen zu den Retreat-Leitern bekannt sind, wird ihr Verschwinden als Ausdruck der anhaltenden Unsicherheiten und Bedrohungen gesehen, mit denen diese Gemeinschaft konfrontiert ist (in englischer Sprache).

Die Karibik und der Kampf um Akzeptanz
Die Erfahrungen der LGBTQ+ Community in der Karibik sind oft von sozialen und politischen Herausforderungen geprägt. In vielen karibischen Ländern herrschen nach wie vor strenge gesellschaftliche Normen und Gesetze, die heteronormative Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität fördern. Dies fährt häufig zu Diskriminierung, Gewalt und Stigmatisierung queerer Personen. In diesem Kontext bietet Ghede Nibo eine Art spirituellen Rückzugsort, in dem Identitäten gefeiert und anerkannt werden können.

Ein kurzer Einblick in die Welt und die Probleme der LGBTQ+ Gemeinschaft in Haiti (in französischer Sprache).

Ghede Nibo ist jedoch nicht die einzige Loa, die mit der LGBTQ+ Community und Diversität in Verbindung gebracht wird. Andere Loas, die ebenfalls die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen repräsentieren, sind Baron Lundy und Baron Limba. Diese beiden Loas zeigen homoerotisches Verhalten und sind bekannt dafür, dass sie eine Art homoerotisches Ringen lehren, das als Steigerung ihrer magischen Potenz angesehen wird. Baron Oua Oua, der oft mit einem kindlichen Aspekt in Erscheinung tritt, wird von Voodoo-Praktizierenden als der Baron beschrieben, der am engsten mit Homosexualität verbunden ist.

Erzulie, eine weitere zentrale Figur im Voodoo, ist eng mit Liebe, Sinnlichkeit und Schönheit verbunden. Sie kann Aspekte manifestieren, die LGBT-relevant sind, darunter transgender oder amazonische Eigenschaften, in Verbindung mit traditionellen weiblichen Darstellungen. Wenn Erzulie in Männern wirkt, können diese Aspekte zu geschlechtsnonkonformem oder homoerotischem Verhalten führen, während sie in Frauen zu Lesben-Identitäten oder anti-männlichen Einstellungen führen können. Erzulie Freda wird als Beschützerin der schwulen Männer gesehen, während Erzulie Dantor mit lesbischen Frauen assoziiert wird.

Die afro-karibische Spiritualität hat das Potenzial, als Plattform für die Sichtbarkeit und Akzeptanz von LGBTQ+ Personen zu dienen. Diese Loas ermöglichen es den Menschen, ihre eigene Identität zu erkunden und zu akzeptieren, während sie die Verbindung zu ihren Vorfahren und der spirituellen Welt pflegen. Viele queere Menschen in der Karibik sehen in Ghede Nibo und anderen Loas nicht nur spirituelle Führer, sondern auch Verbündete im Kampf um Gleichheit und Anerkennung.

Einige karibische Länder haben bereits Fortschritte gemacht, um die Rechte von LGBTQ+ Personen zu fördern, während andere noch hinterherhinken. Die Sichtbarkeit von Ghede Nibo, Erzulie und anderen spirituellen Figuren, die Geschlechter- und sexuelle Vielfalt repräsentieren, ist daher entscheidend, um den Diskurs über Akzeptanz und Gleichheit voranzutreiben. Aktivisten und Mitglieder der LGBTQ+ Community in der Karibik nutzen die Symbolik dieser Loas, um ihre Stimmen zu erheben und für mehr Akzeptanz innerhalb ihrer Gemeinschaften zu kämpfen. Dies geschieht oft durch Rituale, Feiern und kreative Ausdrucksformen, die die vielfältigen Identitäten innerhalb der karibischen Kultur zelebrieren.

Gleichberechtigung bedeutet Repr?sentation aller gesellschaftlichen Gruppen abseits der g?ngigen Klischees.
Gleichberechtigung beinhaltet auch Repräsentation aller Gruppen einer Gesellschaft in Geschichten – ganz abseits der gängigen Rollenbilder.

Die Bedeutung von Repräsentation in Religion und Kultur

Die Frage nach der Wichtigkeit von Repräsentation betrifft nicht nur die LGBTQ+-Bewegung, sondern spielt auch eine entscheidende Rolle in Bezug auf Hautfarbe, Kultur, Glauben und Geschlechterrollen – und wird in den letzten Jahren immer stärker thematisiert.

Nur, wer sich selbst in seiner Umgebung wiedererkennt, kann sich wirklich als Teil der Gesellschaft fühlen. Viele marginalisierte Gruppen kämpfen oft darum, in den Narrativen ihrer eigenen Traditionen sichtbar zu sein. Repräsentation bedeutet, dass vielfältige Identitäten und Erfahrungen anerkannt und gewürdigt werden, und es gibt den Menschen das Gefühl von Zugehörigkeit und Identität.

In der Voodoo-Tradition ist die Sichtbarkeit von Figuren wie Ghede Nibo besonders wichtig. Sie schafft nicht nur Raum für verschiedene Geschlechter und sexuelle Identitäten, sondern bereichert auch die spirituelle Praxis. Wenn Menschen sehen, dass ihre Erfahrungen in einer religiösen Tradition Platz finden, stärkt das nicht nur ihr individuelles Selbstbewusstsein, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl insgesamt.

Ghede Nibo ist ein wichtiger Repr?sentant der LGTBQ+ Gemeinschaft i
Figuren wie Ghede Nibo können helfen, sich gesehen zu fühlen.

Wie ich Repräsentation umsetze

Ich selbst bin als jamaikanisch gemischte Frau in Österreich aufgewachsen. Rassismus habe ich nicht oft erlebt. Was ich aber schon gemerkt habe ist, dass es durchaus schwierig sein kann, eine eigene Identität zu bilden und mit sich selbst zufrieden zu sein, wenn man sich in der Umgebung nicht widergespiegelt sieht.

Mir hat es geholfen, in einer multikulturellen Umgebung zu leben – in der wirklich alle Hautfarben, Kulturen und Orientierungen eingeschlossen und akzeptiert wurden. Das hat meine Sicht auf Gesellschaft geprägt und spiegelt sich natürlich auch in meinen Büchern wieder: Ich beurteile einen Menschen rein nach seinem Verhalten. Das heißt für mich niemanden aufgrund von Herkunft oder Aussehen zu verurteilen – und auch nicht dafür, wen er liebt, oder wie er sich selbst definieren möchte. Allerdings hat hier auch niemand automatisch einen Vorteil oder eine besondere Stellung.

Für mich war es also klar, auch schwarze, homosexuelle – mit Ghede Nibo – auch diverse Charaktere in meinen Geschichten zu zeigen. Ich möchte dabei aber in keine Rollen verfallen, dem nicht mehr Bedeutung geben, als ich es im Leben auch tue: ich sehe den Menschen mit all seinen Fassetten. Ich möchte von schillernden, tiefgehenden und unterschiedlichen Figuren mit Stärken und Schwächen berichten und die Schubladen in eine Ecke stellen. Die Welt ist bunt, meine Bücher auch und das ist gut so.

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