Orpheus und Eurydike: Eine zeitlose Sage als Inspiration für meine Geschichte
DU LIEGST AUF DER WIESE UND SCHAUST IN DEN STRAHLEND BLAUEN HIMMEL. Weiße Schäfchenwolken ziehen dahin, die Sonne umarmt dich, wie eine warme Decke, das Gras um dich herum – es ist fast unnatürlich grün – wiegt im sanften, lauen Wind und kitzelt dich immer wieder zwischen den Zehen. Du atmest tief durch, hörst den Vögeln bei ihrem Konzert zu und schließt deine Augen. Lässt deinen Gedanken freien Lauf. Genießt die Ruhe und diesen perfekten Tag.
Bei dem Wort perfekt in deinem Kopf, öffnest du die Augen wieder, schaust zur Seite und tauchst ab in diese warmen, dunkelbraunen Augen, die dich freundlich anschauen. Du greifst zu der Hand, die neben deiner liegt, streichelst die weiche Haut. Wie kann man nur so wunderbar sein?
Du schließt die Augen wieder, als das geliebte Gesicht sich deinem nähert und die Schmetterlinge in deinem Bauch einen wirbelnden Kreis fliegen.
Plötzlich spürst du, wie sich der Körper neben dir bewegt, sich aufsetzt und weggeht. Du stützt dich auf deine Ellenbogen und schaust dich um.
„Wohin gehst du?“
„Komm gleich wieder – ich will da vorne nur kurz etwas suchen“, kommt die prompte Antwort gepaart mit diesem bezaubernden, ehrlichen Lächeln. Du nickst und legst die wieder auf den Rücken. Aber so ganz kommt die Stimmung nicht wieder, etwas fehlt – die Körperwärme neben dir?
„Au!“ – Ein kleiner, leiser Ruf. Nicht markerschütternd, aber er erschüttert deine Welt. Du schreckst hoch.
„Alles in Ordnung? Brauchst du Hilfe?“
Einige Meter entfernt siehst du eine humpelnde Gestalt. Das unerklärliche Gefühl von Angst kriecht deinen Körper hoch und rollt in deinem Magen zu einer schweren Kugel zusammen. Wie in einem schlechten Traum springst du auf, läufst während die liebe deines Lebens zu torkeln beginnt, einige Schritte versucht, zusammenbricht. Die wenigen Meter wirken wie ein kilometerlanger Weg.
Endlich kommst du an, siehst die beiden kleinen Punkte am freien Knöchel. Sie bluten gar nicht schlimm. Die Haut, die vorher rosig war, wirkt bleich!

Wo ist mein Handy? Was – was mach ich jetzt? Aussaugen? Nein, angeblich soll man das nicht machen. Deine Gedanken rasen, während du das Leben aus dem Gesicht schwindet, dass in deinem Schoß liegt. Abbinden! Das wars! Hecktisch nimmst du deinen Gürtel, versuchst zittrig ihn um das Bein zu schnüren, so schnell du kannst.
Das eingeklemmte Handy rutscht immer wieder von deiner Schulter. Du versuchst der Frau am anderen Ende zu erklären, was passiert ist und wo ihr seid, da hörst du ein tiefes Atmen. Du schaust panisch nach unten, in ein völlig ruhiges Gesicht. Schläfst du? Dein verschleierter Blick wandert den ausgestreckten Arm hinunter zur kalten Hand. Die gepflückten kleinen Wiesenblumen fallen neben dir auf den Boden und genau jetzt, genau hier kannst du fühlen, wie dein Herz in tausend Teile zerspringt.
Einige Tage später erhältst du einen Anruf. Du bist nicht sicher, ob du überhaupt abheben möchtest – zu tief sitzt der Schock, zu groß sind der Schmerz und das hinterlassene Loch. Doch etwas in dir sagt, du solltest es tun. Du hörst eine unbekannte Stimme:
„Bist du mutig genug, dich der Dunkelheit der Unterwelt zu stellen, um den Menschen, den du liebst, zurückzuholen?“ …
Für Orpheus war die Antwort klar: natürlich würde er das! Und für die Heldin meines Buches Rhapsdie der Schatten ist es das auch! Heute möchte ich dir ein Bisschen über diese antike Sage erzählen – und natürlich auch, was sie mit meiner Gesichte zu tun hat.
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Die Ursprungssage von Orpheus und Eurydike: Eine faszinierende Geschichte von einer Liebe, die den Tod überdauert und der Macht der Musik
Zwei berühmte Autoren dienen als Hauptquellen für die Sage um Orpheus und Eurydike:
Vergil (70?19 v. Chr.) – In seinem Werk Georgica (Buch IV) erzählt Vergil die Geschichte von Orpheus und Eurydike sehr ausführlich. Seine Version ist eine der bekanntesten und prägt die grundlegenden Elemente: Orpheus‘ Reise in die Unterwelt, der tödliche Schlangenbiss Eurydikes, der Rückweg mit dem Blick zurück und der endgültige Verlust.
Ovid (43 v. Chr. ? 17/18 n. Chr.) – In den Metamorphosen (Buch X) erzählt Ovid die Geschichte ebenfalls. Seine Version ist besonders berühmt für die poetische Sprache und die Betonung der Gefühle und der inneren Zerrissenheit von Orpheus, als er den entscheidenden Fehler macht, sich umzudrehen.

Orpheus: Der begnadete Musiker
Es war einmal ein Mann namens Orpheus, der für seine unvergleichliche Musik bekannt war. Seine Mutter, Kalliope, war die Muse der epischen Dichtung, und so wuchs Orpheus inmitten von Kunst und Schönheit auf. Doch es war nicht das Wort, sondern die Musik, die ihn in die Herzen der Menschen brachte. Mit seiner Lyra, die ihm der Gott Apollon selbst geschenkt hatte, konnte er nicht nur Menschen und Tiere bezaubern, sondern auch die Natur selbst. Bäume neigten sich, wenn er spielte, und Flüsse änderten ihren Lauf, um seinen Melodien zu lauschen.
Orpheus liebte eine Frau namens Eurydike, die ebenso schön und anmutig war wie er selbst talentiert. Die beiden waren unzertrennlich, und ihre Liebe schien unerschütterlich. Doch das Schicksal hatte einen grausamen Plan für sie.
Eurydikes Tod und die Reise in die Unterwelt
Eines Tages, als Eurydike durch die Felder wanderte, trat sie auf eine giftige Schlange, die sie in die Ferse biss. Binnen kurzer Zeit erlag sie dem Gift und ihre Seele wurde in die dunklen Tiefen der Unterwelt gerissen. Orpheus‘ Herz war gebrochen. Der Schmerz über den Verlust seiner Geliebten war so groß, dass er beschloss, das Unvorstellbare zu tun: Er würde in die Unterwelt hinabsteigen, um Eurydike zurückzubringen.
Mit seiner Lyra in der Hand machte sich Orpheus auf den Weg in das Reich der Toten, ein Ort, den noch kein Lebender je wieder verlassen hatte.

Die Verzauberung der Unterwelt
Der Eingang zur Unterwelt war dunkel und bedrohlich, doch Orpheus‘ Trauer war stärker als seine Angst. Am Ufer des Flusses Styx wartete Charon, der finstere Fährmann, der die Seelen der Toten über das Wasser geleitete. Doch anstatt eine Münze zu verlangen, wie es bei den Toten Brauch war, ließ Charon sich von Orpheus‘ Musik bezaubern. Die sanften Klänge seiner Lyra lösten den harten Ausdruck aus dem Gesicht des Fährmanns, und ohne ein Wort zu sagen, setzte er Orpheus in sein Boot und ruderte ihn über den dunklen Fluss.
Auf der anderen Seite erwartete ihn Cerberus, der furchterregende dreiköpfige Hund, der die Tore der Unterwelt bewachte. Doch als Orpheus zu spielen begann, legte sich der gigantische Hund sanft zu seinen Füßen, wie ein Welpe, der sich von einer Schlafmelodie einlullen lässt.

Orpheus schritt weiter in die Tiefen der Unterwelt, bis er schließlich vor dem Thron von Hades, dem Herrscher der Toten, und seiner Königin Persephone stand. Die düsteren Hallen des Todesreiches schienen für einen Moment heller zu werden, als Orpheus‘ Finger über die Saiten seiner Lyra glitten. Er sang von seiner Liebe zu Eurydike, von ihrem plötzlichen Tod und von dem unsäglichen Schmerz, der ihn nun erfüllte. Selbst Hades, dessen Herz für die Leiden der Lebenden kalt geblieben war, konnte sich der Macht dieser Musik nicht entziehen.
Beeindruckt von seiner Kunst und gerührt von der Kraft seiner Liebe, willigte Hades schließlich ein: Eurydike dürfe mit Orpheus zurückkehren, aber nur unter einer Bedingung. Auf dem Weg zurück zur Welt der Lebenden dürfe Orpheus sich nicht umdrehen, um sie anzusehen, bis sie beide sicher an der Oberfläche seien. Andernfalls würde er Eurydike für immer verlieren.
Der verhängnisvolle Blick zurück
Voller Hoffnung und Entschlossenheit begann Orpheus den Rückweg. Schritt für Schritt stieg er den dunklen Pfad empor, die Lyra in der Hand und das Herz schwer vor Anspannung. Hinter ihm folgte Eurydike, doch er konnte sie nicht sehen. Er konnte nur auf das Flüstern ihrer Schritte vertrauen. Je näher sie der Oberfläche kamen, desto größer wurde seine Unsicherheit. War sie wirklich noch hinter ihm? Oder hatte Hades ihn getäuscht?
Kurz bevor sie das Licht der Oberwelt erblickten, ergriff die Unsicherheit Besitz von ihm. Seine Angst, sie vielleicht doch verloren zu haben, überwältigte ihn. Im letzten Moment, fast am Ziel, drehte er sich um – und sah Eurydike hinter sich stehen, blass und geisterhaft, die Hand nach ihm ausgestreckt. Doch in dem Augenblick, als sich ihre Blicke trafen, wurde Eurydike von der Dunkelheit der Unterwelt verschlungen. Ein leises Flüstern ihres Namens, und sie war für immer verschwunden.
Orpheus schrie auf, doch es war zu spät. Er hatte sie für immer verloren.

Zerrissen vor Trauer und Schuld kehrte Orpheus allein in die Welt der Lebenden zurück. Er irrte umher, spielte traurige Melodien und sprach mit niemandem. Die Welt schien für ihn ihre Farben verloren zu haben, und bald zog sich Orpheus ganz von den Menschen zurück. Selbst seine Musik, die einst so lebendig und stark war, war nur noch ein Echo seines gebrochenen Herzens.
Am Ende seines Lebens, so erzählt man, wurde Orpheus von wilden Mänaden, den Anhängerinnen des Dionysos, zerrissen. Doch als sein Geist die Welt der Lebenden verließ und in die Unterwelt hinabstieg, fand er schließlich Frieden. Dort, im Reich des Todes, durfte er wieder mit Eurydike vereint sein – dieses Mal für immer.
Wenn du die Geschichte in Ovids Version der Metamorphosen lesen möchtest, kannst du das zum Beispiel hier tun.
Die mittelalterliche Adaption: Orpheus und Eurydike in der Minne-Dichtung

(Foto: By Unknown – http://auchinleck.nls.uk/mss/orfeo.html, Public Domain)
Die Geschichte von Orpheus und Eurydike hat im Laufe der Jahrhunderte viele Künstler inspiriert und wurde in verschiedenen Versionen und Adaptionen erzählt. Natürlich, denn zu jeder Zeit bewegten die Themen diese Sage – Liebe, Verlust und die Reise ins Unbekannte. Besonders im Mittelalter tauchten neue Interpretationen auf, die den ursprünglichen Mythos um Elemente von Feen und Magie bereicherten.
Eine der bekanntesten mittelalterlichen Adaptionen ist die anglo-normannische Erzählung Sir Orfeo aus dem 13. oder 14. Jahrhundert. In dieser Version wird die griechische Unterwelt durch ein magisches Feenreich ersetzt. Eurydike – hier in Heurodis umbenannt – wird nicht durch den Biss einer Schlange getötet, sondern von einem Elfenkönig entführt, der sie in sein Reich bringt. Sir Orfeo, ihr Ehemann und ein begnadeter Musiker, begibt sich auf eine Reise, um sie zurückzuholen.
Anders als in der klassischen Sage endet diese Geschichte glücklicher: Sir Orfeo spielt seine Harfe so meisterhaft, dass der Elfenkönig von seiner Musik gerührt wird und ihm erlaubt, Heurodis zurück in die Welt der Lebenden zu führen, ohne dass der Held seine Geliebte tragischerweise verliert. Diese Version ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Geschichten an kulturelle Vorstellungen angepasst werden und spiegelt die mittelalterliche Vorliebe für Märchen und Magie wider. Sie bleiben so lange lebendig, wie ihre Themen uns berühren.
Sir Orfeo ist nicht nur eine Adaption der klassischen Orpheus-Sage, sondern auch ein Spiegelbild der mittelalterlichen Gesellschaft: Die Rolle der Musik als magische Macht, die Treue des Ehemanns zu seiner Frau und die Vorstellung von einer anderen Welt, die eng mit der eigenen verbunden ist, stehen im Mittelpunkt dieser Abenteuer-Geschichte.
Interessanterweise gibt es von J.R.R. Tolkien, dem berühmten Autor von Der Herr der Ringe, eine Übersetzung dieser mittelalterlichen Sage. Tolkiens Leidenschaft für die englische und nordische Mythologie inspirierte ihn nicht nur zu seinen eigenen Geschichten, sondern auch dazu, klassische Werke wie Sir Orfeo dem modernen Publikum zugänglich zu machen. Diese Übersetzung hebt die tiefe Verbindung zwischen Mythologie und Fantasy hervor, die Tolkien selbst so prägte.
Die Inspiration für Rhapsodie der Schatten

Eine alte Geschichte in modernem Gewand
Als ich die Idee zu Rhapsodie der Schatten hatte, war Orpheus und Eurydike nicht nur ein kleiner Teil der Inspiration – es war die Grundidee: Ich wollte dieser Sage einen komplett neuen Touch, eine moderne Adaption geben, sie ins Heute holen, ohne dabei einfach den Stoff „neu zu erzählen“. Deshalb finden sich viele Elemente der Geschichte in meinem Buch wieder.
Der Name meiner Protagonistin Oriana (Italienisch für „Die Goldene“) ist bewusst so gewählt, dass die ersten beiden Buchstaben dem Protagonisten der Sage gleichen. Auch sie muss in die Unterwelt reisen, um einen geliebten Menschen zu retten und es gibt weitere Parallelen – sowohl zur antiken Sage, als auch zur mittelalterlichen Version, die ich aber nicht verraten möchte, um das Buch nicht zu spoilern! Wer aber die Sage gelesen hat, dem wird einiges bekannt vorkommen.
Natürlich habe ich aber meine Version dieses Mythos erzählt und so wurde aus einem Helden eine Heldin, die sich durch eine urban-fantastische Welt bewegen muss und dabei nicht durch eine antike oder europäische Unterwelt, sondern durch eine karibische reist. Hier trifft sie auf die Wesen und Hindernisse dieser kulturellen Vorstellungen.
Wichtig war mir auch, nicht „nur“ die Geschichte der Unterwelt zu erzählen, sondern den Konflikt vom Verlust eines geliebten Menschen um den Kampf gegen Unterweltsmächte, das allzu menschliche Böse in Form eines Stalkers und gegen die eigene Angst und Verzweiflung zu erweitern.

Ein Lied als Schlüssel
Die Macht von Musik und Liedern ist ebenfalls ein Element, dass bei Orpheus in allen bisherigen Adaptionen eine große Rolle spielt. Und das ist auch in Rhapsodie der Schatten so – Oriana ist Sängerin, bis ihr Stalker sie „bricht“ und sie nicht mehr auftritt. Doch sie singt noch, oft zusammen mit ihrem Sohn. Und genau das, ist es, das sie immer wieder auf den Boden holt, wenn Dinge für sie aus dem Ruder geraten. Ihre Musik ist ihr Rettungsring.
Rhapsodie der Schatten ist also die moderne Adaption einer Geschichte von Mut, Liebe und Musik, die nachfragt, wie weit eine Mutter gehen würde, um ihr Kind zu retten.

Die Unsterblichkeit von Mythen
Warum faszinieren uns Mythen über tausende von Jahren? Sie erzählen immer von universellen Themen – Liebe, Verlust, Eifersucht, Hoffnung, Mut – all das ist zu jeder Zeit und in jeder Situation unseres Lebens relevant. Durch die Augen der Held*innen können wir Abenteuer erleben, an unsere Grenzen gehen und das Böse – in welcher Form auch immer – besiegen.
Wenn du also die dramatische Reise von Orpheus in die Unterwelt faszinierend findest, dann wird dich meine moderne Adaption fesseln. In Rhapsodie der Schatten erwartet dich eine einzigartige Mischung aus Mystik, Spannung und urbaner Fantasy – eine Heldin, die nicht weniger entschlossen ist als Orpheus selbst, alles für ihre Familie zu riskieren. Doch Oriana muss sich nicht nur den dunklen Mächten der karibischen Unterwelt stellen, sondern auch den inneren Dämonen, die sie quälen.
Wenn du mit Oriana die Reise in die karibische Unterwelt antreten möchtest, kannst du hier mehr zu Rhapsodie der Schatten nachlesen! Eine zweite Auflage des Taschenbuchs ist schon geplant – und du kannst dich unverbindlich von mir erinnern lassen.
Du möchtest immer auf dem Laufenden bleiben? Dann abonniere meinen Newsletter für regelmäßige Updates zu meinen Büchern und interessanten Themen. Als Dankeschön bekommst du exklusiv vorab die erste Kurzgeschichte meines nächsten Buchs „Chroniken des Unbekannten: Finstere Gassen & Dunkle Wälder“, in der ein Schattenkrieger den Kampf gegen ein tödliches Geistwesen im Wiener Stadtpark antritt.
