Die Legende der Old Higue ist faszinierend, hat aber auch schlimme Schattenseiten.

Old Higue: Die blutdurstige Hexe der Karibik und Ihre Mythen

ALS DU DIE AUGEN ÖFFNEST, STARRST DU IN EIN FALTIGES GESICHT. Über dich gebeugt steht eine alte Frau und lächelt dich an. Erschrocken rutschst du zurück, bis du mit dem Rücken zur Wand sitzt, und ziehst die Knie an.

„Wer sind Sie? Was tun Sie in meinem Haus?“ – wieso flüsterst du statt zu schreien? Es ist, als hättest du kein bisschen Luft in den Lungen!

Die Frau legt den Kopf schief, bleibt aber stumm, die Augen ausdruckslos. Sie kommt einen Schritt näher und plötzlich hast du das Gefühl, dich nicht mehr bewegen zu können. Dein Körper wird schwer, deine Glieder wie festgenagelt. Verzweifelt versuchst du, deinen Arm zu heben, zu schlagen, zu treten. Aber nichts geschieht. Regungslos musst du beobachten, wie die Alte sich deinem Handgelenk nähert.

Weiße Zähne blitzen im Mondlicht auf, sinken in deine Haut. Panisch schnappst du nach Luft – das muss ein Traum sein! Wach auf! Wach auf! Doch dein Körper bleibt gefangen, nur das gierige Schmatzen der Hexe ist zu hören. Ein kalter Schauer läuft dir über den Rücken, während sich das Zimmer um dich herum zu drehen beginnt – ein immer schneller werdender Tanz. Dir wird übel.

Gerade, als du das Bewusstsein zu verlieren glaubst, fliegt die Tür auf und deine Großmutter stürmt herein. Die Old Higue lässt von dir ab, dreht sich langsam um. Mit einem lauten Schrei wirft sich deine Großmutter auf die Kreatur, die sich mit einem durchdringenden Kreischen in einen Feuerball verwandelt.

„Bleib hier!“, ruft deine Großmutter dir zu. Ihre Stimme zittert, doch sie lässt keine Zweifel zu. Zitternd ziehst du die Decke um deine Schultern und presst eine Hand auf die Wunden, die seltsame blaue Flecken hinterlassen. Jeder Schrei und jeder dumpfe Schlag aus dem Raum nebenan lässt dich zusammenzucken. Ich muss ihr helfen … aber was, wenn …

Eine Weile kämpfst du mit dir, dann stehst du auf. Deine Knie geben nach und du brauchst mehrere Versuche, aus dem Bett zu kommen – schließlich schaffst du es.

Leise schleichst du hinunter zur Küche. Als du durch den Türspalt lugst, erkennst du deine Großmutter, die ein Amulett hochhält und etwas zu der Alten murmelt – doch du verstehst kein Wort. Die Kreatur bricht in ein unheimliches, kaltes Lachen aus und schüttelt den Kopf. Deine Gedanken rasen, während du verzweifelt nach etwas suchst, das helfen könnte, bis dein Blick auf einen braunen, schrumpeligen Gegenstand in einem seltsamen Kürbis fällt. Das … das war doch vorher noch nicht hier? Da verstehst du und grinst – das ist es, das ist deine Chance!

Du greifst danach, dein Herz hämmert, als du die seltsame Haut in die Hände nimmst. Das ist es …, denkst du und wirfst die Haut in einen Topf Salz, der auf dem Herd steht. In wenigen Schritten läufst du durch den Raum und schleuderst der Kreatur die Haut entgegen.

Einen Augenblick starrt die Alte dich entgeistert an, und dann bricht sie in Flammen aus – zuerst rot, dann bläulich, dann gleißend weiß. Schließlich ist alles still. Doch tief in dir bleibt das Gefühl, dass dies noch nicht das Ende sein könnte …

Die Legende der Old Higue (manchmal auch Ole Higue oder Ole Haig, Asema, Hag, Soucouyant oder Soucriant) ist tief verwurzelt in der karibischen Folklore und hat sich über Jahrhunderte hinweg in verschiedenen kulturellen Facetten manifestiert. Sie ist eine Hexe und ein Vampir zugleich, eine Gestalt, die für Unruhe sorgt, Angst verbreitet und gleichzeitig unzählige Mythen inspiriert hat.

Wer ist diese blutdurstige Gestalt, und warum hat sie in der Karibik einen so gefürchteten Ruf?

Hexenpakt und der Kapokbaum: Die Entstehung der Old Higue

Es heißt, die Old Higue hätte ihre Fähigkeiten durch einen finsteren Pakt mit dem Teufel erlangt: angeblich sei sie durch schwarze Magie und diabolische Mächte unsterblich geworden – jedoch auf Kosten eines normalen Lebens. Nun streift sie durch die Nacht, auf Beutesuche. Je nach Tradition fungiert sie hier entweder als Racheengel, der böse Menschen bestraft, oder ein durch und durch böser Geist, der sogar ihren Charme ausnutzt, um Mitleid zu erregen und ihre Opfer zu schwächen. In anderen Regionen sucht sie besonders nach (ungetauften) kleinen Kindern. Manche erzählen, sie verkauft das gewonnene Blut für ihre bösen magischen Kräfte an Bazil (auch Papa Diable) in seinem Palast im Kapokbaum.

Der Kapok-Baum ist nicht nur in dieser Legende Sitz des B?sen, Palast des Teufels oder Tor zur Unterwelt. Die Old Higue steht stark in Verbindung mit d
Der Kapokbaum ist nicht nur in dieser Legende Sitz des B?sen, Palast des Teufels oder Tor zur Unterwelt.

Nachts soll die Old Higue sich an diesen Baum klammern und dort Kraft sammeln, bevor sie sich in den leuchtenden Feuerball verwandelt. Der Kapokbaum hat dabei eine symbolische Bedeutung: Er ist ein Bindeglied zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, ein Portal, durch das Hexen und Geister in unsere Welt eintreten können. In einigen Erzählungen wird der Baum selbst als verflucht betrachtet, und diejenigen, die sich ihm nähern, sollen sich selbst einem dunklen Einfluss aussetzen. Die Old Higue nutzt den Baum, um ihre magischen Kräfte zu erneuern und den Schleier zwischen den Welten zu durchbrechen.

Diese Verbindungen zur Hölle und zur dunklen Magie geben der Old Higue einen besonderen Platz in der karibischen Folklore – sie ist keine gewöhnliche Hexe, sondern eine Hexe, die das Tabu gebrochen hat, sich mit dem Bösen selbst zu verbinden. Manche Legenden besagen, dass sie in der Jugend ein schöner, aber eigensinniger Mensch gewesen sei, der mit der Sterblichkeit und der Begrenzung seiner Macht unzufrieden war. Diese Unzufriedenheit soll sie dazu getrieben haben, einen Teufelspakt zu schließen, der ihr ewiges Leben sicherte, jedoch um den Preis eines unstillbaren Blutdursts.

Ursprung und kulturelle Bedeutung

Die Legende der Old Higue ist nicht nur Schauergeschichte, sondern spiegelt auch die tiefe Verwurzelung der karibischen Kultur im Glauben an das Übernatürliche wider.
Der Glaube an diese Duppies (oder Jumbies) ist noch immer in vielen Regionen der Karibik – zum Beispiel Guyana, Suriname und einigen Inseln wie Saint Lucia, Dominica, Haiti und Trinidad, aber auch Jamaika allgegenwärtig. Wie immer haben diese schaurigen Legenden gleichzeitig einen wichtigen Zweck: Familien warnen ihre Kinder davor, Böses zu tun, nachts alleine herumzustreifen, nicht nur wegen der natürlichen Gefahren, sondern auch wegen der Old Higue und anderer dunkler Wesen, die im Schatten lauern könnten.

Dabei sind diese Vampir-Hexen wahrscheinlich eine Mischung aus den französisch-europäischen Vampir-Geschichten und afrikanischer Mythologie. In West-Afrika (Yoruba) wird unter anderem von sogenannten Ajes, alten bösen Hexen, die sich in der Nacht in Tiere verwandeln und Blut trinken, erzählt, in Ghana (Ewe) von Adze, einem Dämon, der in Form einer Feuerfliege auf die Jagd geht. Im Senegal (Soninke) gibt es ebenfalls ähnliche Wesen. Weitere Verbindungen sind wahrscheinlich mit den Gestaltwandlern der mauritischen Folklore und Haiti.

Eule oder Feuerball? Verschiedene Formen und Erscheinungen

Auf Jamaika nimmt die Old Higue die Form einer Eule an.

Die Old Higue ist nicht nur eine Legende, sondern ein wandelbares Wesen, das in unterschiedlichen Formen erscheint – je nachdem, auf welcher Insel man sich befindet. In Trinidad wird die Old Higue häufig als glühender Feuerball beschrieben, der durch den Nachthimmel fliegt. Dieser Feuerball, so glauben viele, sei ein Zeichen für den entfesselten Blutdurst der Old Higue. Wenn sie in diese Form wechselt, hat sie nur ein Ziel: ein Opfer zu finden und ihren Durst nach menschlichem Blut zu stillen. Sie schlüpft durch die Ritzen oder Schlüssellöcher der Häuser, wo sie über die Bewohner herfällt.

Auf Jamaika hingegen wird sie oft als große, bedrohliche Eule dargestellt, die auf Dächern lauert und im Dunkeln auf ihre Beute wartet.

In der Mythologie der meisten karibischen Regionen, ist die Old Higue eine Mischung aus Hexe und Vampir.
In der Mythologie der meisten karibischen Regionen ist die Old Higue eine Mischung aus Hexe und Vampir.

Blutdurst oder das Stehlen von Atemluft: regionale Unterschiede

In einigen Varianten der Legende saugt die Old Higue ihren Opfern das Blut aus, meistens bevorzugt sie dabei ungetaufte Kinder. Die Old Higue wird dabei als besonders listig beschrieben: Sie schleicht sich in die Häuser der Familien und entzieht dem Kind das Blut, ohne dass jemand es bemerkt. Am Morgen wirkt das Kind schwach und krank, hat (unerklärliche) blaue Flecken und wenn der Angriff häufig genug passiert, kann das Kind sogar sterben. Diese grausige Methode erinnert an die vampirischen Legenden anderer Kulturen, doch in der Karibik hat sie durch den Fokus auf unschuldige Kinder eine besonders beängstigende Komponente.

Auch hier unterscheidet sich die jamaikanische Variante der Old Higue von den anderen, denn dieser Vampir stiehlt seinem Opfer oft statt Blut die Atemluft, sodass es schwächer wird und langsam dahinwelkt. In diesem Video auf YouTube kannst du mehr zu dieser Version der Hexe hören – und was ihre Legende mit einer der Nationalheldinnen der Insel, Nanny Maroon, und dem Kampf gegen die Sklaverei zu tun hat.

Was passiert, wenn die Old Higue zu viel Blut trinkt?

Die Gier ist ein böser Begleiter – auch bei diesem Geistwesen. Einige Erzählungen besagen, dass das Blut einen enthemmenden Einfluss auf die Old Higue hat – wenn sie zu gierig wird, verliert sie die Kontrolle über ihre magischen Kräfte und bleibt im Zustand der Verwandlung gefangen. Dies soll ein Hinweis auf den zerstörerischen Charakter ihrer Gier und ihren nie endenden Blutdurst sein. Sie wird zur Geisel ihrer eigenen Dunkelheit und kann nicht mehr zurück in ihre menschliche Form.

Andere Versionen besagen, dass das Opfer in diesem Fall stirbt und ebenfalls zum Vampir wird oder sich auflöst, wobei die Old Higue in diesem Fall dessen Haut verwenden kann.

Wieder andere Legenden sprechen davon, dass sie bei zu viel Gier platzt.

Der Fluch der Einsamkeit: Wenn ältere Frauen zur Zielscheibe werden

Bis heute werden alte Frauen, die nicht der Norm entsprechen, angegriffen, verletzt oder sogar getötet, weil sie für eine Old Higue gehalten werden.

Leider hat die Old Higue-Legende ihre schlimmen gesellschaftlichen Schattenseiten. Sie ist ein Fluch, der sich auf alleinstehende, oft ältere Frauen legt, und sie zur Zielscheibe von Verdächtigungen macht. Bis heute führt die soziale Stigmatisierung als Old Higue, als „bösen Alten“, die aus Frust und Einsamkeit nach dem Blut der Jüngeren dürstet, immer wieder zu Übergriffen auf ältere Frauen oder Frauen mit psychischen Krankheiten – kurzum denen, die sich ungewöhnlich verhalten.

Sie werden oft aus ihren Gemeinden vertrieben, misshandelt oder sogar ermordet, aus Angst, sie könnten nachts in der Gestalt der Hexe wiederkehren und den Menschen schaden. Diese Angriffe zeigen auch die dunkle Seite der Folklore auf, in der Aberglaube und Angst zur Diskriminierung und sogar Gewalt führen können. Die Legende diente somit auch als eine Art sozialer Kontrolle, die Frauen zu konformen Verhaltensweisen antreibt.

Hier kannst du zu einem der (leider unzähligen) Vorfälle dieser Art nachlesen:
Der Fall von Radika Singh und die Befreiung ihrer Mörder.

Schutzmaßnahmen und Verteidigung gegen die Old Higue

Die Old Higue kann versuchen, als Feuerball durch das Schlüsselloch eines Hauses zu schlüpfen.

Doch was kann man tun, um sich vor der wirklichen Old Higue zu schützen? Einige glauben, dass ein einfacher Trick sie fernhält: Reis oder Samen vor die T?r streuen. Die Old Higue leidet – wie viele andere Duppies – unter Zählzwang, soll also dazu gezwungen sein, jedes einzelne Korn aufzusammeln, was sie die ganze Nacht beschäftigt. Ein Ring aus Reis, der um sie herum gezogen wird, sperrt sie ein.

Ähnliches soll auch das aufgehängte, engmaschige Sieb über dem Babybettchen bewirken. Hier kann sie dem Drang, die Löcher zu zählen, nicht widerstehen. Ein rotes Band an der Krippe, der Stirn oder dem Handgelenk des Kindes soll es ebenfalls schützen.

Wer sehr schnell ist, kann den Moment abpassen, indem der Vampir versucht, als Feuerball durch das Schlüsselloch zu kommen und den Schlüssel quer zu drehen. Viele versuchen auch ihr Glück damit, ihn schon beim Absperren als Vorkehrung schief zu drehen. Die Hexe soll dabei im Versuch vorbeizukommen, so viel Lärm machen, dass der Hausbesitzer davon aufwacht und sie durch eine geschickte Drehung zerquetschen kann. Hat man sie so erwischt, sollte man angeblich ihre Knochen vor der Eingangstüre liegen sehen.

Eine besondere Aversion scheint die Old Higue gegen Salz (und Pfeffer) zu haben. Sie sind die ultimativen Waffen, die sie sogar zerstören können. Wer ihre (in einer Truhe oder einer Kalebasse) zurückgelassene Haut findet, sollte sie mit diesen Gewürzen einreiben. Zieht sie sie wieder an, explodiert sie – oder es juckt sie so sehr, dass sie wahnsinnig wird und dann explodiert. Wer kein Salz hat, kann auch scharfe Chilis nehmen, die sie dann verbrennen.

Die Old Higue in der modernen Literatur und Kultur

Die faszinierende Figur der Old Higue wird bis heute in vielen Büchern und Filmen aufgegriffen. Sie lebt in vielen folkloristischen Theaterstücken und Liedern weiter und prägt so die karibische Kunst und Kultur. Ihre Bedeutung geht dabei oft weit über eine reine Horrorfigur hinaus, hin zu einem Symbol und Anlass zur kulturellen (Selbst)Reflexion.

Zwei besonders bekannte Gedichte kannst du in den folgenden Videos sehen.

Ol‘ Higue von Mark McWatt wird in diesem Video vorgetragen und analysiert.
Old Higue von Martin Carter wurde hier für ein Festival vertont.

Old Higue in Rhapsodie der Schatten

Bei meinen Überlegungen dazu, wem Oriana in meinem Buch in der Unterwelt aller begegnen sollte, war mir schnell klar, dass eine Old Higue unbedingt dabei sein sollte. Hier leben diese Wesen als eine Art Gang zusammen, die man sich ungern zum Feind machen möchte. Bei meiner Darstellung war mir wichtig, mich auf keinen Fall für eine der regionalen Versionen zu entscheiden, und so besitzt die Vampir-Hexe in Rhapsodie der Schatten Eigenschaften und Kräfte beider Legenden. Und das macht sie zu einer noch größeren Gefahr.

Sheba Mehofer-Schilk; Chroniken des Unbekannten; Rhapsodie der Schatten; Taschenbücher
Auch in Rhapsodie der Schatten und meinem neuesten Buch „Chroniken des Unbekannten“ spielt eine Old Higue eine wichtige Rolle. Wenn sie auch nicht unterschiedlicher sein könnten!

Mythos und Mahnung: Was die Old Higue uns lehrt

Die Old Higue ist eine der vielen gruseligen und faszinierenden Figuren der karibischen Folklore. Sie ist Hexe und Vampir in einem, ein Symbol für die Angst vor dem Unbekannten und für die soziale Ausgrenzung von Frauen. Doch sie ist auch eine Inspiration für Geschichten, die uns lehren, Respekt vor den dunklen Kräften zu haben – und uns daran erinnern, dass manche Legenden nie aussterben.

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