Filmisches Schreiben statt klassischem Plot: Wie ich Geschichten in Szenen denke, visuell erzähle und Spannung wie im Film aufbaue.

Ich schreibe keine Plots – ich sehe Filme

Filmisches Schreiben: Warum ich in Szenen statt in Strukturen denke

DU HAST EINE IDEE FÜR EIN BUCH. Du beschäftigst dich mit dem Schreiben, liest vielleicht Ratgeber, hörst dir Podcasts an, schaust Interviews mit Autoren oder fragst auch bei anderen nach.

Dann landest du sehr schnell bei den gleichen regelhaft gesagten Fragen:

1. Plotter oder Panser?
2. Der erste Draft ist Mist. Und der Zweite. Und vielleicht auch der Dritte. Aber hat man wirklich erst nach der vierten Version eine gute Geschichte?
3. Lernt man wirklich nur vom Lesen gut zu schreiben?

Es scheint, als gäbe es nur einen richtigen Weg.

Aber was, wenn das nicht stimmt? Was wenn es nicht für alle die gleiche vorgegebene Route inklusive aller Zwischenstopps und Begegnungen auf dem Weg gibt. Wenn du statt Plot-Strukturen oder wildem Treibenlassen noch eine andere Richtung einschlagen kannst?

Mit Szenen, Momenten – einem Film im Kopf.

Ich denke nicht in Plots, sondern in Bildern

Ich denke nicht in Plots. Ich denke in Bildern.

Wahrscheinlich hängt das stark damit zusammen, dass ich Legasthenikerin bin.
Das hat beim Schreiben natürlich seine Herausforderungen, die sich aber mit einem guten Korrektorat beheben lassen.

Aber es hat auch eine andere Seite, die die meisten nicht kennen, denn wo andere mit Worten arbeiten, sehe ich Szenen. Damit meine ich nicht vage oder verschwommen, sondern fast ein Standbild, oft sogar einen kurzen Ausschnitt aus einer Art Film.

Blicke, Bewegungen, Licht, das auf etwas fällt, das vorher im Schatten lag – der Anfang meiner Szene.

Ich habe also keinen klassischen Plot vor mir, keine Route aus Punkten, die ich anfahren muss. In meinem Kopf habe ich eher etwas, das sich anfühlt wie ein Film, der schon existiert. Ich muss ihn nur noch aufschreiben: Szene für Szene.

Wenn das passiert, nennt man es visuelles Erzählen. Für mich ist es aber weniger eine Technik, als eine Wahrnehmung. Und so entstehen Dialoge nicht, weil ich sie plane, sondern weil Figuren anfangen dürfen zu sprechen. Szenen funktionieren, weil sie sich entfalten statt von mir konstruiert zu werden.

Statt zu beschreiben, was passiert, beschreibe ich, was ich sehe.

Szenen statt Kapitel: mein inneres Kino

Wie eine Kamera nimmt mein geistiges Auge alles wahr, was sich in einer Szene tut: Ein zögernder Blick, ein Detail im Hintergrund, das plötzlich Bedeutung bekommt…
Jede Szene hat ihren eigenen Blickwinkel und so bin ich manchmal ganz nah an einer Figur, fast in ihrem Kopf. Dann beobachte ich sie mehr von außen, wie durch einen Kamera, die sich langsam zurückzieht. Ich beschreibe nicht, was dann passiert, sondern was zu sehen ist.

So entstehen die Bilder, die später auch beim Lesen im Kopf auftauchen.
Und damit kann ich spielen, kann die Stimmung und den Fokus lenken, Geheimnisse andeuten oder auf die falsche Fährte lenken.

Spannung entwickelt sich, wenn sich etwas verändert oder Unausgesprochenes andeutet, was passieren wird.

Dabei sind meine Figuren keine Figuren im klassischen Sinn, sondern eher Schauspieler, die ihre eigenen Ideen mitbringen, auf Räume reagieren und Szenen verändern dürfen (manchmal auch in eine ganz andere Richtung, als ich gedacht habe).

Und ich bin nicht ihre Schöpferin, sondern eher eine Regisseurin, die mit ihnen arbeitet.

Wenn Charaktere sprechen und so die Geschichte ver?ndern - von kreativem Schreiben und Figurenentwicklung
In diesem Blogartikel erzähle ich dir mehr über die Zusammenarbeit mit meinen Figuren.

So verändert filmisches Schreiben mein Schreiben: weniger planen, weniger Kontrolle, dafür aber ein klarer Blick. Und ich denke, das ist auch der Grund, warum ich keine langen Plotstrukturen brauche.

Pitch Deck statt Plotstruktur

Ich brauche kein langes, ausformuliertes Gerüst, das mir sagt, was in Kapitel sieben passieren muss und warum es genau dort passiert. Ich habe auch keine Charaktersheets, bei denen Hautfarbe, Vorlieben und Vorgeschichte aller Figuren detailliert aufgeschrieben ist.
(In meinem neuesten Buch, Chroniken des Unbekannten, hatte ich bis zum Schluss keine Ahnung, wer der Antagonist ist und ob es wirklich so ausgehen wird, wie ich mir das ausgedacht hatte.)

Es ist nicht so, dass ich das schlecht finde, wenn jemand anders das so macht – ganz im Gegenteil, ich bin immer tief beeindruckt von solchen Strukturen. Ich brauch sie nur nicht.

Am Anfang einer Geschichte hab ich keine vollständige Route vor mir eher eine generelle Richtung. Ich sehe eine Szene: Anfang oder Schluss, vielleicht den Satz einer Figur.
Zwischen den einzelnen Momenten sind Lücken, der Ausgang ist nicht immer klar. Aber es reicht, um meinen Weg zu starten, und zwar mit genügend Raum, damit sich die Geschichte bewegen kann.

Statt klassischen Plots arbeite ich mit etwas, das aus der Film- und Serienszene wohl eher bekannt ist: mit Pitch Decks. Ich stelle mir die Frage, welche Welt ich erschaffen möchte, was ich beim Leser erreichen möchte. Ich fange die Stimmungen auf, baue meine Grundidee zusammen, gebe mir visuelle Anker und beschreibe zentrale Figuren, allerdings weniger in Text und mehr in Bildern.

Damit ist mein Pitch Deck weniger ein Plan, als ein Gefühl für Richtung. Es zwingt mich nicht alles zu wissen, zeigt mir aber, worum es geht und was wichtig ist. Durch die Beweglichkeit, die ich so habe, muss ich nicht Punkt für Punkt abgehen, sondern kann mich von Szene zu Szene bewegen, ohne dabei die Orientierung zu verlieren.

Meine (filmischen) Vorbilder: vom entscheidenden Moment bis zur unsichtbaren Bedrohung

Wie könnte man Bilder besser festhalten, als in der Fotografie? Dieses Hobby gibt mir eine weitere Möglichkeit, eine Szene zu komponieren. Die gleichen Dinge, die eine gute Szene in meinen Büchern ausmachen, sind auch hier wichtig: Blickwinkel, Details, Ausschnitt, Licht – eine Komposition, die oft mehr ausdrückt als einfach einen Moment festzuhalten.

Henri Cartier-Bresson hat genau das meiner Meinung nach perfektioniert. Bilder, die bleiben, weil sie genau im richtigen Moment entstehen, dem „entscheidenden Moment“, der Augenblick in dem sich alles bündelt. Es dauert manchmal, bis er kommt, aber die Geduld lohnt sich.

Im Film wird dieses Prinzip noch einmal anders sichtbar. Zum Beispiel mit Alfred Hitchcock, der Spannung nicht über Überraschungsmomente, sondern über Wissen aufbaut.
Das Publikum weiß mehr als die Figuren. Geschickt lenkt er mit der Kamera die Gedanken und über Szenenaufbau und Timing das Gefühl. Man spürt, dass etwas nicht stimmt, lange bevor es sichtbar wird.

Heute gibt es Filme wie 10 Cloverfield Lane von Dan Trachtenberg bei dem der Großteil der Geschichte in einem einzigen Raum spielt… und sich die Welt darin trotzdem ständig verschiebt. Denn die Kamera bleibt nah. Zu nah. Wechselt, bildet mit ihrem Ausschnitt Allianzen. Sie zwingt dich auf Details zu achten – ein Blick, ein Atemzug, eine minimale Veränderung und eine latente Bedrohung, weil jederzeit etwas passieren könnte.

Genau das ist für mich filmisches Erzählen: nicht immer muss es Größe und Spektakel sein. Ich finde es geht eher um die Kontrolle der Perspektive. Über das, was sichtbar ist und das, was nicht gezeigt wird.

Ich lerne mehr aus solchen Filmen und deren Analysen (auch darüber, welche Fehler dabei vielleicht gemacht wurden) als aus vielen Schreibratgebern. Weil sie zeigen, wie Geschichten wirklich funktionieren, wie man Rhythmus erschafft und Blickführung steuert.

Die Welten, die durch filmisches Schreiben entstehen & was das für meine Bücher bedeutet

Durch filmisches Schreiben, verändert sich nicht nur, wie ich erzähle, sondern was überhaupt entsteht. Denn Wesen sind für mich keine Einträge in einer Liste und ich beginne nicht mit einer reinen Beschreibung, sondern mit einem Bild.

Viele der Mythen und Sagen, mit denen ich arbeite – egal ob aus der Karibik, oder aus europäischen Traditionen – haben bereits eine Form. Aber ich übernehme sie nicht einfach. Ich gehe einen Schritt zurück und frage mich:

  • Welche Themen sind der Kern der Geschichte, des Wesens? Was macht sie aus?
  • Wie reagieren Menschen, die noch keinen Namen dafür haben?
  • Wie würde sich dieses Wesen anfühlen, bevor man es erkennt?
  • Was verändert sich, wenn es den Raum betritt?
  • Welche Eigenschaften machen das Wesen zu etwas besonderem und wie kann es sie nutzen.

Und so beginne ich, den Mythos dahinter freizulegen.
Manchmal nah am Ursprung.
Manchmal völlig neu gedacht.

Warum ich so arbeite?

Weil ich möchte, dass sich meine Geschichten nicht wie Wissen anfühlen. Sondern wie Erfahrung.

Du sollst nicht lesen: „Das ist ein Wesen aus dieser oder jener Tradition.“

Du sollst spüren, dass etwas nicht stimmt. Dass sich etwas verschiebt. Dass der Raum plötzlich eine andere Bedeutung hat.

Und, weil ich möchte, das aus einer Sage etwas Eigenes wird. Etwas, das nicht nur wiederholt wird, sondern weiterlebt.

Wenn du tiefer in diese Welt eintauchen willst. In meinem Newsletter schreibe ich regelmäßig über solche Hintergrunde. Als Dankeschön bekommst du exklusiv vorab den ersten Fall der „Chroniken des Unbekannten„, in der der Schattenkrieger Ezio den Kampf gegen ein tödliches Geistwesen im Wiener Stadtpark antritt.


Wenn du zusammen mit mir einen Schritt weiter gehen möchtest. Auf Steady zeige ich zusätzlich meine konkreten Story-Entwicklungen: Pitch-Decks, Szenenaufbau und den Prozess meiner Geschichten – so, wie sie wirklich entstehen. Und du kannst mich noch besser kennenlernen.


Und wenn du das Ganze als Geschichte erleben möchtest. Findest du diese Art zu erzählen auch in meinen Büchern wieder.


Spannung entsteht nicht im Moment der Überraschung. Sondern lange davor.
Genau dieses Prinzip hat Alfred Hitchcock perfektioniert – und ich nutze es bis heute in meinen Geschichten.
👉🏽 Zum Artikel über Alfred Hitchcock und seinen Lektionen über Suspense

(Fotos in diesem Artikel: (c) CanvaPro)

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